Die Stadt der sieben Berge

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Oslo - Bergen

Das Handy klingelt, wir packen schnell unsere Sachen und laufen vor die Tür. Unsere Mitfahrgelegenheit wartet bereits unten. Jean-Baptiste - diesen Namen muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Unsere Mitfahrgelegenheit fängt etwas verspätet und nicht ohne ein paar Umwege in Oslo an. Jean kommt aus Frankreich und arbeitet seit Juli als Kellner in Oslo. Unter der Woche reist er meistens durch Norwegen und im Oktober möchte er für ein Jahr nach Australien. Wir quetschen unser Gepäck in den Mietwagen und los geht es. Das Auto röhrt beim anfahren und wird regelmäßig abgewürgt. Eigentlich haben wir nur 450 Kilometer vor uns, dennoch sollen es laut Navi über 7 Stunden Fahrtzeit sein. Durch die vielen Fjorde sind die Distanzen in Norwegen größer als sie auf der Karte aussehen. Es regnet. Und so wird es die ganze Fahrt über bleiben. Dennoch sind wir bereits kurz hinter Oslo begeistert von der Aussicht. Norwegens Landschaften sind einzigartig. Wir fahren vorbei an grünen Hügellandschaften über karge Berghänge mit einsam verstreuten Hütten, bis wir schließlich bei den beeindruckenden Fjorden ankommen. Es regnet immer heftiger. Und es wird langsam dunkel als wir am längsten Straßentunnel der Welt ankommen. Noch über 2 Stunden bis Bergen. Wir beschließen nach der Durchquerung gleich nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Der Tunnel ist zähe 24 Kilometer lang. Bei dem Versuch der Vorstellung, wieviel Tonnen Gestein sich wohl über einem auftürmen stellt sich ein seltsam hohles Gefühl in der Magengrube ein. Um den Autofahrern wenigstens ein bisschen Abwechslung zu bieten sind 3 Stationen eingebaut, in denen der Tunnel in polarlichtähnlicher Beleuchtung erstrahlt.

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Es ist cool, aber nicht so spektakulär wie es beschrieben wurde. Es ist eben eine verhältnismäßig lange Strecke, die unter einem Berg durchführt und am Ende sind wir froh, als wir draußen sind. Der Regen ist noch stärker gewordenen und JB fährt immer unsicherer. Wir finden endlich einen Platz an dem wir uns entschließen, das Zelt aufzustellen. Es ist eigentlich nur ein kleiner Parkplatz an der der Straße. Da diese aber direkt am Fjord entlang führt, hat man schon jetzt, trotz Regen und Dunkelheit, einen tollen Blick. Jean möchte im Auto schlafen, er hat keine Isomatte dabei. Im Regen bauen wir das Zelt auf. Die Heringe wollen kaum in den harten Boden. Ich bin genervt - und verdammt froh als das Zelt endlich steht und wir es uns zu dritt darin gemütlich machen. Wir kochen Spaghetti und unterhalten uns. Jean Baptist ist echt in Ordnung und total entspannt. Wir sind alle ausgehungert und stürzen uns auf den kleinen Topf der vor Spaghetti überquillt. Tipp: getrocknete Tomaten und Oliven wiegen nicht viel und werten Spagetti mit Pesto nochmal ordentlich auf.

Wir schlafen alle länger als erwartet und starten daher auch erst gegen 11:00 Uhr. Jan wollte eigentlich schon um 12:00 Uhr in Bergen sein - Ups. Die weitere Fahrt ist wunderschön. Der Regen hat aufgehört und die Sonne kommt langsam zum Vorschein. Wir sind uns noch etwas unsicher ob wir überhaupt nach Bergen rein fahren sollen. Eigentlich haben wir garnicht so große Lust auf Stadt und da uns bei Couchsurfing niemand geantwortet hat, haben wir auch keinen Schlafplatz. Plötzlich sind wir aber schon mittendrin. Sollen wir wieder raus trampen? Jean versucht für uns einen Wald in der Stadt anzufahren. Schließlich darf man in Norwegen überall sein Zelt aufbauen solange man außer Sichtweite von Häusern ist und sich an ein paar Regeln hält. Allerdings ist das Gebiet in das uns Jean fährt eine seltene Ausnahme: Trinkwasserschutzgebiet - campen verboten.

Wir lassen uns schließlich von Jean in der Innenstadt absetzen und verabschieden uns. Vielleicht begegnen wir uns auf unserer Reise ja nochmal.

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Unentschlossen was wir jetzt machen sollen, suchen wir erstmal die Tourist Information auf. Vielleicht wissen die ja einen guten Platz für unser Zelt? Im Internet habe ich gelesen dass es nicht möglich ist in Bergen selbst oder in unmittelbarer Umgebung umsonst zu campen. Ich werde von dem netten Herrn in der Touist Information eines bessern belehrt: "Am besten ihr geht hoch auf den Floyden. Das ist zumindest am Anfang noch kein Trinkwasserschutzgebiet und man kann mit der Floienbahnen hoch fahren, eine echte Berger Sehenswürdigkeit". Eigentlich sind wir ja nicht so für die klassischen Tourisachen zu haben, aber unsere Rucksäcke sind zu schwer um sie 4 Kilometer den Steilen Berg hoch zu tragen (wir müssen unbedingt ein paar Dinge aussortieren). Also nehmen wir die Touribahn und sind beeindruckt von der Aussicht. Bergen hat seinen Namen wirklich verdient. Die Stadt liegt umgeben von 7 Bergen, der Floyen ist einer davon. Man hat einen unfassbaren Ausblick über die Stadt, die Berge und die Fjorde. Das Wetter zeigt sich auch von seiner besten Seite und so steigt unsere Laune mit jedem Schritt. Wir finden einen tollen Platz direkt bei einem kleinen See im Wald. An dem See gibt es sogar Toiletten und Grillstellen. Zufrieden schlagen wir unser Lager auf. Wer braucht schon ein teueres Hostel wenn man hier schlafen kann? Da das Wetter so gut ist und wir inspiriert sind von all den sportlichen Menschen die sich auf dem Floyen tummeln, joggen wir ein paar Runden um den See. Die nächsten 3 Tage verbringen wir in Bergen und auf dem Floyen. Es ist wirklich eine traumhafte Stadt und der Floyen bietet viele kleine Wege die erkundet werden wollen. Wir sind total zufrieden mit unserem Zeltplatz und sind begeistert, dass es möglich ist so einfach und wunderschön direkt in der Stadt zu campen. Eigentlich wollen wir nach der zweiten Nacht aufbrechen. Aber da es die ganze Nacht geregnet hat und am Morgen immer noch keine Besserung in Sicht ist, vergeht uns die Lust auf trampen ein wenig. Wir wollen daher die verschiedenen Optionen nochmal genauer recherchieren. Hätten wir uns vielleicht doch ein Interrail-Ticket kaufen sollen, so wie wir es uns zu Beginn vorgenommen hatten? Wir nisten uns in dem gemütlichen Café auf dem Floyen ein - fast 6 Stunden lang. Langsam wird es uns etwas unangenehm, wir nutzen das Internet und den Strom im Café und haben nur einen mickrigen Kaffee und einen Muffin gekauft. Der Kellner kommt zu uns und sagt etwas auf norwegisch. Wir denken er will uns rausschmeißen, schließlich haben sie nur noch 40 Minuten offen und wir bringen keinen Umsatz. Stattdessen interessiert er sich für unsere Reise und schenkt uns am Ende 2 Zimtschnecken - Hammer! Der Tag hat sich gelohnt, wir haben nämlich auch schon unsere nächste Reiseroute geplant und gebucht - da haben wir einen richtigen Schnapper gemacht! Beflügelt von den nächsten Reiseplänen und den Zimtschnecken in der Tasche wollen wir den nächsten Hügel hinter unserem Zeltplatz besteigen um die Aussicht auf Bergen noch einmal voll und ganz genießen zu können. Es hat aufgehört zu regnen, der Himmel überm Meer wird Rosa und wir atmen die frische Luft ein. Morgen geht es weiter.